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Über die Entwicklung deutsch-jüdischer Kindermedien in den 1920er und 1930er Jahren
Kinder der Jahrhundertwende 1900 wurden in Deutschland in einer Zeit der Säkularisierung groß. Auch vielen jüdischen Kindern war ihr Glaube fremd. Lauter werdende antisemitische Stimmen machten es aber für viele Verfemte notwendig, sich bewusst mit ihren jüdischen Wurzeln auseinanderzusetzen. Eine lebendige jüdische Kinderkultur sollte helfen, Kindern spielerisch jüdische Traditionen näherzubringen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und Perspektiven für ihre Zukunft aufzuzeigen. Die Ausstellung stellt die Frage: Wer förderte die Entwicklung jüdischer Kindermedien, welche Inhalte vermitteln sie und wurden sie von jüdischen Kindern wahrgenomnen.
Die Ausstellung basiert auf Recherchen, die im Rahmen eines Dissertationsprojekts von Julia Schweisthal (LMU München) entstanden sind. Eine zentrale Grundlage bildet die an der Universitätsbibliothek der LMU München erworbene Sammlung Cohen, deren Bestände einen besonderen Einblick in die Vielfalt jüdischer Kindermedien der Zeit ermöglichen. Gemeinsam eröffnen diese Quellen neue Perspektiven auf die Entstehung, Inhalte und Rezeption jüdischer Kinderkultur im frühen 20. Jahrhundert.
Ausstellungsinhalte im Überblick
Jede Zeit hat ihre besonderen Interessen und bringt ihre besonderen Bücher hervor.Erwin Loewe, 1937
Bilderverbot?
Dass Bilder Identifikation stiften und daher in der Erziehung eingesetzt werden können, war im Judentum nicht selbstverständlich. Das biblische Bilderverbot, das sich gegen die ägyptische Verehrung von Bildnissen als Idole wendet und den Kult um diese Objekte als Götzendienst ablehnt, hatte in der jüdisch kanonischen Vorstellung seit jeher zu einer generellen Skepsis gegenüber dem Bild geführt.
Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und der Reformpädagogik führten aber auch in jüdischen Kreisen zu einer Modernisierung des Kindheitsverständnisses. Kindermedien sollten entsprechend kindgerecht angepasst bzw. neu entwickelt werden.
Denn alles, was sich bisher als jüdisches Jugendbuch anbot, war nichts als Zusammenstellung, Sammlung, Wiederholung und Neumischung längst vorhanden Materials.Emil Bernhard Cohn, 1927
Herausforderungen
Zahlreiche Fragen und Unsicherheiten begleiteten das Projekt jüdischer Selbstvergewisserung: Wollte man wirklich „eigene“ Kindermedien gestalten und sich dadurch von der Mehrheit der Gesellschaft abgrenzen? Was sollte ein jüdisches Buch ausmachen? Welche Themen wollte man adressieren? Hätte die potenzielle, ohnehin kleine Zielgruppe überhaupt Interesse? Wie könnte man Kulturschaffende für das Projekt gewinnen?
Außerdem gab es verschiedene, teils stark konfligierende innerjüdische Strömungen: Judentum konnte verstanden werden als allumfassender Glauben, traditionsverbunden oder liberal ausgelegt, als Tradition oder als Volksgemeinschaft.
Erst im Laufe der 1930er Jahre, unter dem Eindruck massiver Repressionen, einigten sich die innerjüdischen Strömungen auf das verbindende Ziel, die aufwachsende Generation seelisch und existenziell zu sichern.
„Die Kinder erleben was geschieht und schweigen, aber nachts stöhnen sie auf im Traum, erwachen, starren ins Dunkel: die Welt ist unzuverlässig geworden. Man hatte einen Freund, der Freund war selbstverständlich wie das Sonnenlicht, nun plötzlich sieht er einen fremd an: die Mundwinkel spotten: Hast du dir etwa gar eingebildet, ich mache mir was aus dir? [...] Lehrt eure Kinder jüdische Gehalte, sucht ihnen das Leben jüdischer zu formen, – aber daran ist's nicht genug. Ihr müßt bei euch selber beginnen [...]. Es liegt an uns, den Kindern die Welt wieder zuverlässig zu machen.“ (Martin Buber, 1933)
In der Umsetzung blieb es ein steter Aushandlungsprozess, wie das Bemühen um ein verbindliches Lehrziel für jüdische Schulen zeigt: Hatten sich die meisten deutschen Juden herkömmlich als „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“ gefühlt, wollte man 1934 zum „doppelten Urerlebnis [...], dem jüdischen und dem deutschen“ erziehen. 1937 passte man dieses Lehrziel an und stellte „das Jüdische in den Mittelpunkt aller dafür in den Betracht kommenden Unterrichtsfächer“.
Man frage nicht, für welches Land wir erziehen wollen. Für Palästina, wenn es denn das Land sein darf; Für irgendeine Fremde, wenn sie das Land sein muß. Für Deutschland, wem es das Land sein kann. Es ist ein Bild, ein Ziel, eine Erziehung.Martin Buber, 1933
Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß im Jahrhundert des Kindes ach speziell des jüdischen Kindes gedacht wird.Rezension, 1920
Nichts haftet mehr in der Erinnerung als das, was das kleine Menschlein im Spielalter tut. Wollen wir, daß den erwachsenen Menschen ihr Judentum lieb und wert ist, so sollen wir auch schon die Kinder jüdisch spielen lassen.Willy Cohn, 1927
Man kann sich nur so lange von seinem Judentum bedrückt fühlen, als man nicht stolz darauf ist.Bertha Pappenheimer, o.J.
Bildung kommt von bilden und bilden von Bild. "Bilden" heißt ein geschautes Bild im irdischen Stoff verwirklichen, so daß es in die Welt der Dinge tritt.Martin Buber, 1933
Wem an der Erlernung des Hebräischen als lebendige Sprache gelegen ist, der kann gar nicht anders, als mit dem Spiele zu beginnen.Jechiel Lichtenstein, 1930
9/ Palästina - Reisziel oder Auswanderungsland?
Im Spiel werden Handlungen abgebildet. Klare Regeln helfen Prinzipien zu begreifen und sie in der Wiederholung einzuüben. Besonders eindrücklich zeigt sich dies in Reisespielen. In den 1920er Jahren wurde Palästina spielerisch als touristisches Ziel vorgestellt und dabei auf historische und gegenwärtige Stätten hingewiesen.
Im Spiel von Adele Sandler (1921) beginnt man im Hafen Jaffa und entdeckt ein multikulturelles Land: jüdische Märkte und landwirtschaftliche Kolonien sowie arabische Ländereien östlich des Jordan. Wer Wissensfragen richtig beantwortet, rückt auf dem Spielfeld vor. Religiöse Stätten wie Rahels Grab werden in den Blick gerückt. Ziel des Spiels ist die Rückfahrt mit dem Schiff „Zion“ von Rosh Pinah aus. Im Gepäck bleiben den Spielenden „Reiseeindrücke“: die Schönheit, Fortschrittlichkeit und Vielfalt von Eretz Israel. Dabei wird mindestens ein Klischeebild aufgebrochen, wonach Palästina ein leeres Land war, das erst durch jüdische Besiedlung kultiviert wurde. In den 1930er Jahren war Palästina nicht mehr bloß ein touristisches Reiseziel. Es war zum Fluchtziel und wichtigsten Auswanderungsland geworden. Im Reisespiel „Alijah“ von KKL (1935) wird die Emigrationsroute nach Palästina nachgestellt. Die Spielenden starten im Büro des KKL in der Meineckestr. 10 in Berlin, um, mit Auswanderungspapieren ausgestattet, die beschwerliche Reise mit vielen Unterbrechungen zu beginnen.
Spiel ist nicht Spielerei. Es hat hohen Ernst und tiefe Bedeutung.Friedrich Fröbel, o.J.
10/ (Offenkundige) Gegenwartsbezüge
Rabbiner wie Joachim Prinz oder Max Nussbaum erinnern sich, dass biblischen Erzählungen unter den Eindrücken von Ausgrenzung, Willkür und Repression eine neue Sinnebene beigefügt wurden. Der vermeintlich aussichtslose Kampf der Makkabäer zu Channukah oder die Abwendung der Hamamschen Mordpläne an den Juden, versinnbildlicht im PurimFest, wurden Chiffren für ein wehrhaftes Judentum und treuen Glauben.
Was in den Synagogen für alle verständlich in Midrasch-Verse gekleidet wurde, konnte in den 1920er Jahren literarisch noch offen formuliert werden. Im Purimtheater (1925) für Kinder von sechs bis zwölf Jahren sind Gegenwartsbezüge klar zu erkennen: Die Szenerie in Persien zeigt Merkmale der Stadt Berlin; Haman trägt antisemitische Vorurteile vor, die auch jüdische Kinder der Zeit allzu oft trafen; er wird von Mordechai entlarvt und gemeinsam mit Esther letztlich zu Fall gebracht. Zum Schluss greift ein pädagogisch rücksichtsvoller Verfremdungseffekt, da Haman laut Regieanweisung nicht richtiggehend gehängt, sondern als Marionette über einen Faden an den Finger des Vorlesenden gebunden wird.
In den 1930er Jahren galt es das zu lesen, was nur zwischen den Zeilen stand. „Spatz macht sich“ von Meta Samson (1894 Berlin – 1942 Auschwitz) ist dafür ein eindrückliches Beispiel. Bekannt wurde dieses Kinderbuch als eine der letzten jüdischen Publikationen. Es durfte 1938 zwar noch gedruckt, aber nicht mehr verkauft werden. Das jüdische Presseecho erkannte das große Potenzial des Romans, gelang es doch der Autorin, ein einfühlsames und realistisches Portrait eines jüdischen pubertierenden Mädchens in Berlin der späten 1930er Jahre zu zeichnen. Unerklärt blieb dabei, warum der Vater abwesend war, die Mutter in schwierigem Arbeitsverhältnis stand, die Wohnung immer kleiner wurde, Geschwister und Freunde auswanderten.
Der Mensch unter der Diktatur spricht eine besondere Sprache – er muß so formulieren, dass er von denen verstanden wird, an die er sich richtet, ohne dass sein Sinn, seine Absicht, die eigentliche Bedeutung dessen, was er mitteln will, der Zensur, der Behörde, der Kontrollinstanz klar wird.Herbert Freeden, 1986
11/ Rolle von Bibliotheken und Lesehallen
Jüdische Bibliotheken und Lesehallen übernahmen in den 1930er Jahren eine wichtige Rolle: Sie erwiesen sich als Zufluchtsorte und übernahmen eine nicht zu unterschätzende soziale Funktion. Doch ein Blick in Bibliotheksverzeichnisse zeigt, dass kaum Kinderliteratur zum Bestand gehörte und Neuerscheinungen auf diesem Gebiet nur selten
berücksichtigt werden konnten. Bibliotheksbestände generierten sich maßgeblich aus Bücherschenkungen und dem Zusammenlegen von Beständen kleinerer Bibliotheken, das Hinzukaufen neuerer Literatur blieb schwierig. Bibliotheken ließen sich außerdem nur dort erhalten, wo eine nennenswerte Anzahl jüdischer Leser zu erwarten war.
Gemeindeverbände wie der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden (PLV) oder Organisationen wie der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) oder der Reichsausschuss der jüdischen Jugendverbände (RJJ) organisierten Wanderbibliotheken, um Klein- und Mittelgemeinden zu unterstützen. Der PLV startete 1935 mit einer Sammlung von 950 Werken, die zu je 2.500 Exemplaren angeschafft wurden. Eine Bücherkiste umfasste 100 Titel, die Verweildauer pro Gemeinde im Regelfall drei bis vier Monate. Lektürewünsche seitens der Leser waren ausdrücklich erbeten. Offensichtlich wurden oft Kinder- und Jugendbücher nachgefragt, denn bereits 1936 wurde an einem kommentierten Auswahlverzeichnis für Kinder- und Jugendliteratur gearbeitet. Angestrebt wurde ein Umfang von 300 Werken, gegliedert nach Lesealtern. Die Resonanz war so positiv, dass sich die abnehmenden Bezirke bis 1938 fast verdoppelten
und auch Haschara-Plätze, in denen Auswanderer nach Palästina ausgebildet wurden, mit Büchern beliefert wurden. Auch für die Wanderbibliotheken des CV (ab 1935) und RJJ (ab 1937) wurde der Mangel an geeigneter Kinder- und Jugendliteratur zu beheben gesucht; adressiert wurden insbesondere Jugendbünde.
Eine überlieferte Nutzerstatistik der CV-Wanderbibliothek zeigt über die verschiedenen Landesverbände hinweg ein bewegtes Bild: überwiegende Nutzung durch Schüler und Auszubildende, schwankende Ausleihzahlen nicht zuletzt durch Wegzug, Lektürewünsche auch nach Kindermedien, die nicht ausschließlich jüdische Inhalte behandelten.
Ist die jüdische Bildungsinstitution die einzige, dann wird es von den Benutzern als Einengung empfunden werden, wenn nur jüdisches Bildungsgut geboten wird (…).Erich Guttmann, 1938 , (Vorwort zu „Bücher für die jüdische Jugend)
12/ (Jüdische) Puppen
Puppen waren seit jeher ein beliebtes Kinderspielzeug. Besonders bekannt für ihre Puppen wurde Käthe Kruse, die 1910 einen vom jüdischen Warenhaus Tietz ausgelobten Wettbewerb zum Thema „Spielwaren aus eigener Hand“ gewann. Ihre Stoffpuppen wurden für ihre Natürlichkeit gelobt und prompt berühmt. Puppen spiegeln ihre Entstehungszeit, das gilt auch für Käthe-KrusePuppen, die in den 1930er Jahren übrigens auch mit BDM- und HJUniformen gefertigt wurden. So mag es nicht verwundern, dass man sich in jüdischen Kreisen auch spezifisch jüdische Puppen zu wünschen
begann. Die „Alltagspuppen“ der jungen Puppenmacherin Edith Samuel (1907 Essen – 1948 Rischon LeZion) waren nicht ausdrücklich als jüdische Puppen intendiert; aber da die Tochter des Essener Rabbiners Salomon Samuel früh ihre Umgebung in Puppen abbildete, waren es vor allem Bildnisse jüdischer Kinder. Insbesondere in den 1930er Jahren wurde Edith Samuel für ihre Puppenkinder im deutschen Raum bekannt. Ihre Portraitpuppen wurden für viele zu engen Weggefährten durch dunkle Jahrzehnte.
Little Marion und Little Ulla
Zwei Puppenkinder in den Händen ihrer jungen Besitzerinnen, ein Geschenk aus dem Jahr 1934. Die Geschwister Marion und Ulla Freyer emigrierten mit den Eltern 1939 nach Baltimore, Maryland – im Gepäck ihre Puppenkinder, die zeitlebens enge Vertraute blieben.
Wirklichkeit und Verlässlichkeit der Welt beruhen darauf, dass die uns umgebenden Dinge eine größere Dauerhaftigkeit haben als die Tätigkeit, die sie hervorbrachte, und dass diese Dauerhaftigkeit sogar das Leben ihrer Erzeuger überdauern kann.Hannah Arendt, 1994
Qualitative Einordnung
Will man den Versuch wagen, eine Einordnung deutsch-jüdischer Kindermedien aus den ersten drei Dezennien des 20. Jahrhunderts vorzunehmen, gerät man unweigerlich an Grenzen. Die Überlieferung ist brüchig und statistisch kaum auszuwerten. Doch quantitative
Aussagen erscheinen hier ohnehin unzulänglich. Es sind wohldokumentierte Einzelfälle wie die lebenslange Verbundenheit von Marion zu „Little Marion“ oder wie die Erinnerung von Schalom BenChorin, ein jüdisches Kindermärchenbuch habe ihm den Zugang zur jüdischen Welt eröffnet, die tief blicken lassen. Sie zeigen , dass sich für manche – und hoffentlich viele – Kinder die Visionen der Pädagoginnen,Pädagogen und Kunstschaffenden verwirklicht haben.