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Über die Entwicklung deutsch-jüdischer Kindermedien in den 1920er und 1930er Jahren
Kinder der Jahrhundertwende 1900 wurden in Deutschland in einer Zeit der Säkularisierung groß. Auch vielen jüdischen Kindern war ihr Glaube fremd. Lauter werdende antisemitische Stimmen machten es aber für viele Verfemte notwendig, sich bewusst mit ihren jüdischen Wurzeln auseinanderzusetzen. Eine lebendige jüdische Kinderkultur sollte helfen, Kindern spielerisch jüdische Traditionen näherzubringen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und Perspektiven für ihre Zukunft aufzuzeigen. Die Ausstellung stellt die Frage: Wer förderte die Entwicklung jüdischer Kindermedien, welche Inhalte vermitteln sie und wurden sie von jüdischen Kindern wahrgenomnen.
Die Ausstellung basiert auf Recherchen, die im Rahmen eines Dissertationsprojekts von Julia Schweisthal (LMU München) entstanden sind. Eine zentrale Grundlage bildet die an der Universitätsbibliothek der LMU München erworbene Sammlung Cohen, deren Bestände einen besonderen Einblick in die Vielfalt jüdischer Kindermedien der Zeit ermöglichen. Gemeinsam eröffnen diese Quellen neue Perspektiven auf die Entstehung, Inhalte und Rezeption jüdischer Kinderkultur im frühen 20. Jahrhundert.
Ausstellungsinhalte im Überblick
1/ Das erste deutsch-jüdische Bilderbuch (1911) im Wandel dreier Jahrzehnte
Die Malerin Adele Sandler (1873 Karlsruhe – 1946 Jerusalem) publizierte 1911 im Jüdischen Volksschriften-Verlag das wohl erste deutsch-jüdische Bilderbuch und griff damit ein Desiderat auf. Auffallend ist, wie selbstverständlich verwoben die deutsche und die jüdische Kultur auf den 18 Bildtafeln auftritt. Die Betrachter werden durch das jüdische Festjahr und die Jahreszeiten geführt, durch Stadt und Land, in bürgerliches und folkloristisches Milieu. Das Werk heißt schlicht „Bilderbuch“. Nur der Paratext verspricht „Bilder, Verse, mancherlei, auch viel Jüdisches dabei“.
1920 wurde das Werk in das Repertoire des noch jungen Welt-Verlages aufgenommen, der während der Weimarer Republik wesentlich dazu beitrug, ein Verständnis für jüdische Kunst und Kultur auszuformen. Jetzt lautet der Titel „Das jüdische Bilderbuch“, und aufgenommen sind nunmehr lediglich die zehn Bildtafeln, die Einblick in die jüdische Festkultur geben. Hier spiegelt sich der veränderte Zeitgeist, das Bemühen um eine bewusst jüdische Erziehung.
1925 wurde das Werk vom BIAS-Verlag herausgegeben. Der Titel bleibt „Das jüdische Bilderbuch“; jetzt gibt es wieder 18 Bildtafeln. Text und Bild sind separiert, die Bilder nur teilweise koloriert, so dass die kindliche Fantasie zum Ausmalen angeregt wird. Erhältlich ist das Buch jetzt gebunden oder lose auf fester Pappe.
Trotz dieser vielfältigen und beachtlichen Modifikationen erreichten die Ausgaben von 1920 und 1925 nicht annähernd so großes Presseecho wie die Erstausgabe, obgleich es an Nachahmung mangelte. Noch 1930 findet sich Adele Sandlers Werk als „sehr schön, nur etwas neutral und blaß“ beschrieben. Auch das zeigt die veränderten Zeitläufte.
Jede Zeit hat ihre besonderen Interessen und bringt ihre besonderen Bücher hervor.Erwin Loewe, 1937
Bilderverbot?
Dass Bilder Identifikation stiften und daher in der Erziehung eingesetzt werden können, war im Judentum nicht selbstverständlich. Das biblische Bilderverbot, das sich gegen die ägyptische Verehrung von Bildnissen als Idole wendet und den Kult um diese Objekte als Götzendienst ablehnt, hatte in der jüdisch kanonischen Vorstellung seit jeher zu einer generellen Skepsis gegenüber dem Bild geführt.
Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und der Reformpädagogik führten aber auch in jüdischen Kreisen zu einer Modernisierung des Kindheitsverständnisses. Kindermedien sollten entsprechend kindgerecht angepasst bzw. neu entwickelt werden.
2/ Förderung kindgerechter Medien durch Pädagoginnen und Pädagogen
Im frühen 19. Jahrhundert gab es bereits Kinderbibeln – sprachlich vereinfacht und inhaltlich angepasst. Ende des 19. Jahrhunderts aber war vielen jüdischen Kindern ihr Glaube fern oder gar fremd geworden; jüdische Kindermedien sollten dabei helfen, die eigenen jüdischen Wurzeln zu entdecken. Es wurden Kommissionen zur Förderung von deutsch-jüdischer Kinderliteratur gegründet. Mit Preisausschreiben förderte man gezielt populäre Genres. So entstanden 1909 die „Sammlung preisgekrönter Märchen und Sagen“, 1922 „Tams Reisen durch die jüdische Märchenwelt“.
Ein wichtiges Gütekriterium wurde die kindgerechte Gestaltung: Neben angepasster Sprache waren dies neue Genres und Medienformen, speziell der Einsatz von Illustrationen. So sollten Zugänge entstehen, die an die gegenwärtige Lebenssituation jüdischer Kinder anschlossen und Identifikation ermöglichten. Ein zeitgenössisch viel beachtetes Werk, in dem diese Aspekte berücksichtigt wurden, war der „Jüdische Kinderkalender“ (1927) des Pädagogen und Rabbiners Dr. Emil Bernhard Cohn (1881 Steglitz – 1948 Los Angeles), der im Jüdischen Verlag Berlin erschien.
Denn alles, was sich bisher als jüdisches Jugendbuch anbot, war nichts als Zusammenstellung, Sammlung, Wiederholung und Neumischung längst vorhanden Materials.Emil Bernhard Cohn, 1927
Herausforderungen
Zahlreiche Fragen und Unsicherheiten begleiteten das Projekt jüdischer Selbstvergewisserung: Wollte man wirklich „eigene“ Kindermedien gestalten und sich dadurch von der Mehrheit der Gesellschaft abgrenzen? Was sollte ein jüdisches Buch ausmachen? Welche Themen wollte man adressieren? Hätte die potenzielle, ohnehin kleine Zielgruppe überhaupt Interesse? Wie könnte man Kulturschaffende für das Projekt gewinnen?
Außerdem gab es verschiedene, teils stark konfligierende innerjüdische Strömungen: Judentum konnte verstanden werden als allumfassender Glauben, traditionsverbunden oder liberal ausgelegt, als Tradition oder als Volksgemeinschaft.
Erst im Laufe der 1930er Jahre, unter dem Eindruck massiver Repressionen, einigten sich die innerjüdischen Strömungen auf das verbindende Ziel, die aufwachsende Generation seelisch und existenziell zu sichern.
„Die Kinder erleben was geschieht und schweigen, aber nachts stöhnen sie auf im Traum, erwachen, starren ins Dunkel: die Welt ist unzuverlässig geworden. Man hatte einen Freund, der Freund war selbstverständlich wie das Sonnenlicht, nun plötzlich sieht er einen fremd an: die Mundwinkel spotten: Hast du dir etwa gar eingebildet, ich mache mir was aus dir? [...] Lehrt eure Kinder jüdische Gehalte, sucht ihnen das Leben jüdischer zu formen, – aber daran ist's nicht genug. Ihr müßt bei euch selber beginnen [...]. Es liegt an uns, den Kindern die Welt wieder zuverlässig zu machen.“ (Martin Buber, 1933)
In der Umsetzung blieb es ein steter Aushandlungsprozess, wie das Bemühen um ein verbindliches Lehrziel für jüdische Schulen zeigt: Hatten sich die meisten deutschen Juden herkömmlich als „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“ gefühlt, wollte man 1934 zum „doppelten Urerlebnis [...], dem jüdischen und dem deutschen“ erziehen. 1937 passte man dieses Lehrziel an und stellte „das Jüdische in den Mittelpunkt aller dafür in den Betracht kommenden Unterrichtsfächer“.
3/ Die zionistische Idee für innere Sicherheit
Theodor Herzl postulierte 1898, Zionismus bedeute die Heimkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland. Er benannte damit zwei Komponenten der zionistischen Bewegung: die kulturelle, die „Juden innere Sicherheit geben“ wollte (Kurt Blumenfeld), und die politische, wonach der Zionismus „die Schaffung einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte in Palästina für diejenigen Juden [erstrebt], die sich nicht anderswo assimilieren können oder wollen.“ (Basler Programm 1897). Der Zionismus hatte in deutsch-jüdischen Kreisen noch bis in die Jahre der Weimarer Republik einen schwierigen Stand. Der Jüdische Nationalfonds (Keren Kajemeth LeIsrael, KKL) und die Organisation Keren Hajessod (KH) mobilisierten Zionisten weltweit, sammelten Spenden, um Land in Palästina zu kaufen und urbar zu machen.
Man frage nicht, für welches Land wir erziehen wollen. Für Palästina, wenn es denn das Land sein darf; Für irgendeine Fremde, wenn sie das Land sein muß. Für Deutschland, wem es das Land sein kann. Es ist ein Bild, ein Ziel, eine Erziehung.Martin Buber, 1933
4/ Anschauung und heiliges Spiel
In orthodoxen Kreisen diskutierten Rabbiner und Pädagogen bereits um die Jahrhundertwende das Potenzial der Kunst für die jüdische Bildungsarbeit. Schon 1910 wurde die Schaffung eines jüdischen Bilderbuches angeregt. In den 1920er Jahren wurde in pädagogischen Beilagen zur orthodoxen Zeitschrift „Der Israelit“ der Wert von Spiel und Bild erläutert: Es sei entscheidend, jüdischen Kindern im Bild vor Augen zu führen, was sie zu Hause nicht mehr erlebten. Für diejenigen aber, die noch religiös erzogen würden, sei es eine Verstärkung des Bekannten und eine Bereicherung.
Gerade das Spiel konnte zu religiöser Tätigkeit anregen. Beispielhaft dafür ist das Errichten einer Laubhütte (Sukkah), die traditionell zum Fest Sukkot aufgebaut wird, um an die Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten zu erinnern. Die Sukkah symbolisiert den göttlichen Schutz, der den Israeliten einst auf ihrer Wanderung zuteil geworden ist, und warnt zugleich vor der Schutzlosigkeit, der man ausgeliefert ist, wenn man ohne Gott lebt. Neben der offenkundigen religiösen Dimension des Spiels schwingt noch eine praktische mit, denn im großstädtischen Leben hatte man oft keinen Platz, eine Laubhütte zu errichten. Hier kann die Miniatursukkah ein gewisser Ersatz sein. Die Holz-Sukkah stammt aus der Kunstgewerbestube Jenny Westheim aus Frankfurt am Main (1927) und ist der wohl erste Holzbaukasten, der für jüdische Kinder entworfen wurde.
Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß im Jahrhundert des Kindes ach speziell des jüdischen Kindes gedacht wird.Rezension, 1920
5/ Jüdisches Kunstgewerbe
Im jüdischen Kunstgewerbe wurden Kultusgegenstände hergestellt: Chanukkaleuchter, Mesusot (Haussegen), Sederhandtücher und -taschen, aber auch – ganz im Sinne der Nützlichkeit – Thermosflaschen für Shabbatabende. Die Herausforderung bestand darin, eine neue Formensprache zu finden, modernes Design aufzunehmen und dennoch traditionsverbunden zu bleiben.
Seit Anfang der 1920er Jahre boten Kunstgewerbestuben zudem Kinderspiele an. Auch hier verband sich das Nützliche mit dem Ästhetischen. Denn Spiele sollten Kindern die jüdischen Festtage näherbringen und dabei von künstlerischer Qualität sein. Besonders prominent war seinerzeit die Kunstgewerbestube von Rosa Freudenthal (1870 Breslau – 1951 Haifa), die in Zusammenarbeit mit verschiedenen Kunstschaffenden Spiele entwickelte: eine aus Pappe zusammensetzbare Laubhütte (1921), eine hebräische Kinderdruckerei, ein Channukah-Spiel (1922), ein hebräisches Lotto (1925) oder ein hebräisches Quartett-Spiel (1932). Ihre Spiele stellte Rosa Freudenthal auf Pädagogenkonferenzen oder auch Zionistenkongressen vor; ein äußerst positives Presseecho lässt sich in traditionellen, liberalen und zionistischen Zeitschriften und Gemeindeblättern finden. Kein Geringerer als der Rabbiner und Gelehrte Ismar Elbogen berichtete, wie seine Kinder mit der Laubhütte (Sukkah) und der hebräischen Kinderdruckerei der Kunstgewerbestube Freudenthal spielten.
Nichts haftet mehr in der Erinnerung als das, was das kleine Menschlein im Spielalter tut. Wollen wir, daß den erwachsenen Menschen ihr Judentum lieb und wert ist, so sollen wir auch schon die Kinder jüdisch spielen lassen.Willy Cohn, 1927
6/ Jüdische Kinder als Rezipienten und Akteure
Das zu Hause erlebte Judentum war um die Jahrhundertwende in vielen Familien zu oberflächlich geworden, als dass Kinder darin hätten Wurzeln schlagen können. Der Soziologe Zygmunt Baumann schrieb, es sei lediglich „auf ein Ritual reduziert und sorgfältig von allen Emotionen befreit.“ Die neu entstandenen deutsch-jüdischen Kindermedien adressierten demnach die Familien als zentrale Sozialisationsinstanz. An die Eltern richtete sich Werbung, die insbesondere um die Fest- und Feiertage in den Zeitschriften auftauchte. Die seit Mitte der 1920er Jahren etablierten Kinderbeilagen wiederum wandten sich direkt an ihre jungen Leser; sie entdeckten Kinder als emanzipierte Zielgruppe.
In Blättern wie „Wegweiser durch die Jugendliteratur“ (1905-1914), „Freie jüdische Lehrerstimme“ (1912-1920) oder „Die jüdische Schulzeitung“ (1925-1938) wurden einschlägige Neuerscheinungen regelmäßig rezensiert und fallweise für den Schulunterricht – sei es in der jüdischen Religionsstunde oder an jüdischen Schulen – empfohlen. Mit zunehmender politischer Brisanz musste der Erziehungsprozess
immer stärker das Bewusstseins für Zukunftssicherung schärfen.
Jugendbünde haben in der Sozialisation jüdischer Kinder und Jugendlicher eine große Rolle gespielt. 1913 wurde der Jüdische Wanderbund Blau-Weiß gegründet. Bis 1924 waren 15 Jugendorganisationen entstanden, die insgesamt 40.000 Mitglieder umfassten. Zum Ende der 1930er Jahre war nahezu die ganze jüdische Jugend bündisch erfasst. Bündische Publikationen machten in den 1930er Jahren etwa ein Drittel aller jüdischen kinder- und jugendliterarischen Druckerzeugnisse aus. Darin wurde auch für jüdische Kindermedien geworben. Man listete mögliche ChanukkahGeschenke auf und konnte dabei sogar vergünstigte Preise anbieten.
Man kann sich nur so lange von seinem Judentum bedrückt fühlen, als man nicht stolz darauf ist.Bertha Pappenheimer, o.J.
7/ Medienvielfalt selbst für biblische Stoffe
Das Bemühen um kindgerechte Gestaltung machte jüdische Medien bunter. Besonders eindrücklich wird dies am Beispiel der jüdischen Bibel, denn in der rabbinischen Tradition wird die Tora als buchstabengetreue Überlieferung des göttlichen Wortes angesehen, so
dass die Überlieferung heilig und unveränderbar sein muss. Doch schon in der jüdischen Aufklärung hatte Moses Mendelssohn mit seiner Bibelübersetzung die zwingende hebräische Form des Textes durchbrochen und den Inhalt dadurch nicht zuletzt für Kinder
zugänglicher gemacht. In den 1920er und 1930er Jahren wurden biblische Stoffe für Kinder wiederum freier aufbereitet und säkularen Sujets angenähert.
Cheskel Zwi Kloetzel transponierte die biblische Moses-Geschichte in seinem Abenteuerroman in die Gegenwart eines jüdischen Jungen, der sich auf einem Dampfer ausgesetzt auf dem Weg in die USA vorfindet. Die „Biblische[n] Puppenspiele“ von Käte Baer-Freyer und Albert Baer übertragen biblischen Stoff in szenische Spiele für Kinder, bemerkenswert illustriert von Käte Baer-Freyer. Sie schuf auch Figurinen, die zum Buch erworben werden konnten; das führte auch dazu, dass sie von Kindern nachempfunden wurden. Otto Geismar fertigte eine Bilderbibel an und reduzierte die symbolträchtigen Bilder pädagogisch wirksam auf wenige Striche, was Kinder oft zum Ausmalen animierte. Die Bibeladaption des liberalen Rabbiners Joachim Prinz basiert vielfach auf dem Midrasch, der mündlichen Überlieferung zur Tora. Das ermöglichte dem Rabbiner, freier mit dem Text umzugehen; der Erzählton erinnert an Abenteuergeschichten, veranschaulicht wurde das mit zahlreichen Illustrationen von Heinz Wallenberg. Die „Haggadah des Kindes“ fällt besonders durch ihre bewegten Bilder auf, die durch das Ziehen an einer Lasche entstehen – so wird beispielsweise vor Augen geführt, wie sich das Meer für Moses und das jüdische Volk teilt.
Bildung kommt von bilden und bilden von Bild. "Bilden" heißt ein geschautes Bild im irdischen Stoff verwirklichen, so daß es in die Welt der Dinge tritt.Martin Buber, 1933
8/ Hebräisch als Umgangssprache
Im Berlin der Weimarer Jahre erlebte man das Aufblühen einer hebräischen Kultur. Wichtige Hebraisten, die sich um die Entwicklung einer modernen hebräischen Umgangssprache bemühten, kamen hier zusammen, gründeten hebräische Verlage wie Dwir, Eschkol, Klal oder Omanuth. Im Omanuth-Verlag erschienen auch hebräischeBilderbücher für Kinder, die allerdings nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl deutsch-jüdischer Kinder erreicht haben können. Die Mehrheit der liberal aufgewachsenen jüdischen Kinder erlernte das Hebräische lediglich in wenigen Stunden des Religionsunterrichts und hatte im Alltag wenig Bezug zur Sprache. So war es ein wichtiges Ziel der jüdischen Erziehung geworden, Kindern spielerisch das Hebräische nahe zu bringen – als Umgangssprache.
Früh entstanden daher hebräische Quartettspiele wie das 1918 herausgegebene Spiel העיר) Die Stadt). Noch wichtiger wurden hebräische Fibeln, deren Zahl und künstlerischer Gestaltung keine Grenzen gesetzt schienen. Dennoch zeigt das Presseecho, dass ambitionierte hebräische Projekte für zu schwer empfunden wurden. Daher strebte man nach Übersetzungen. Für Otto Geismars „Megilat Esther“ (1926), die als Schriftrolle, in Szene gesetzt mit hebräischen Typen und ebenso schwungvollen Illustrationen, im Verlag Dr. Herbert Loewenstein Berlin herausgegeben wurde, fertigte man bereits im Folgejahr eine weitere Ausgabe an (Verlag Robert Alter Berlin), die neben dem Hebräischen eine deutsche Übersetzung anbot.
Wem an der Erlernung des Hebräischen als lebendige Sprache gelegen ist, der kann gar nicht anders, als mit dem Spiele zu beginnen.Jechiel Lichtenstein, 1930
9/ Palästina - Reisziel oder Auswanderungsland?
Im Spiel werden Handlungen abgebildet. Klare Regeln helfen Prinzipien zu begreifen und sie in der Wiederholung einzuüben. Besonders eindrücklich zeigt sich dies in Reisespielen. In den 1920er Jahren wurde Palästina spielerisch als touristisches Ziel vorgestellt und dabei auf historische und gegenwärtige Stätten hingewiesen.
Im Spiel von Adele Sandler (1921) beginnt man im Hafen Jaffa und entdeckt ein multikulturelles Land: jüdische Märkte und landwirtschaftliche Kolonien sowie arabische Ländereien östlich des Jordan. Wer Wissensfragen richtig beantwortet, rückt auf dem Spielfeld vor. Religiöse Stätten wie Rahels Grab werden in den Blick gerückt. Ziel des Spiels ist die Rückfahrt mit dem Schiff „Zion“ von Rosh Pinah aus. Im Gepäck bleiben den Spielenden „Reiseeindrücke“: die Schönheit, Fortschrittlichkeit und Vielfalt von Eretz Israel. Dabei wird mindestens ein Klischeebild aufgebrochen, wonach Palästina ein leeres Land war, das erst durch jüdische Besiedlung kultiviert wurde. In den 1930er Jahren war Palästina nicht mehr bloß ein touristisches Reiseziel. Es war zum Fluchtziel und wichtigsten Auswanderungsland geworden. Im Reisespiel „Alijah“ von KKL (1935) wird die Emigrationsroute nach Palästina nachgestellt. Die Spielenden starten im Büro des KKL in der Meineckestr. 10 in Berlin, um, mit Auswanderungspapieren ausgestattet, die beschwerliche Reise mit vielen Unterbrechungen zu beginnen.
Spiel ist nicht Spielerei. Es hat hohen Ernst und tiefe Bedeutung.Friedrich Fröbel, o.J.
10/ (Offenkundige) Gegenwartsbezüge
Rabbiner wie Joachim Prinz oder Max Nussbaum erinnern sich, dass biblischen Erzählungen unter den Eindrücken von Ausgrenzung, Willkür und Repression eine neue Sinnebene beigefügt wurden. Der vermeintlich aussichtslose Kampf der Makkabäer zu Channukah oder die Abwendung der Hamamschen Mordpläne an den Juden, versinnbildlicht im PurimFest, wurden Chiffren für ein wehrhaftes Judentum und treuen Glauben.
Was in den Synagogen für alle verständlich in Midrasch-Verse gekleidet wurde, konnte in den 1920er Jahren literarisch noch offen formuliert werden. Im Purimtheater (1925) für Kinder von sechs bis zwölf Jahren sind Gegenwartsbezüge klar zu erkennen: Die Szenerie in Persien zeigt Merkmale der Stadt Berlin; Haman trägt antisemitische Vorurteile vor, die auch jüdische Kinder der Zeit allzu oft trafen; er wird von Mordechai entlarvt und gemeinsam mit Esther letztlich zu Fall gebracht. Zum Schluss greift ein pädagogisch rücksichtsvoller Verfremdungseffekt, da Haman laut Regieanweisung nicht richtiggehend gehängt, sondern als Marionette über einen Faden an den Finger des Vorlesenden gebunden wird.
In den 1930er Jahren galt es das zu lesen, was nur zwischen den Zeilen stand. „Spatz macht sich“ von Meta Samson (1894 Berlin – 1942 Auschwitz) ist dafür ein eindrückliches Beispiel. Bekannt wurde dieses Kinderbuch als eine der letzten jüdischen Publikationen. Es durfte 1938 zwar noch gedruckt, aber nicht mehr verkauft werden. Das jüdische Presseecho erkannte das große Potenzial des Romans, gelang es doch der Autorin, ein einfühlsames und realistisches Portrait eines jüdischen pubertierenden Mädchens in Berlin der späten 1930er Jahre zu zeichnen. Unerklärt blieb dabei, warum der Vater abwesend war, die Mutter in schwierigem Arbeitsverhältnis stand, die Wohnung immer kleiner wurde, Geschwister und Freunde auswanderten.
Der Mensch unter der Diktatur spricht eine besondere Sprache – er muß so formulieren, dass er von denen verstanden wird, an die er sich richtet, ohne dass sein Sinn, seine Absicht, die eigentliche Bedeutung dessen, was er mitteln will, der Zensur, der Behörde, der Kontrollinstanz klar wird.Herbert Freeden, 1986
11/ Rolle von Bibliotheken und Lesehallen
Jüdische Bibliotheken und Lesehallen übernahmen in den 1930er Jahren eine wichtige Rolle: Sie erwiesen sich als Zufluchtsorte und übernahmen eine nicht zu unterschätzende soziale Funktion. Doch ein Blick in Bibliotheksverzeichnisse zeigt, dass kaum Kinderliteratur zum Bestand gehörte und Neuerscheinungen auf diesem Gebiet nur selten
berücksichtigt werden konnten. Bibliotheksbestände generierten sich maßgeblich aus Bücherschenkungen und dem Zusammenlegen von Beständen kleinerer Bibliotheken, das Hinzukaufen neuerer Literatur blieb schwierig. Bibliotheken ließen sich außerdem nur dort erhalten, wo eine nennenswerte Anzahl jüdischer Leser zu erwarten war.
Gemeindeverbände wie der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden (PLV) oder Organisationen wie der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) oder der Reichsausschuss der jüdischen Jugendverbände (RJJ) organisierten Wanderbibliotheken, um Klein- und Mittelgemeinden zu unterstützen. Der PLV startete 1935 mit einer Sammlung von 950 Werken, die zu je 2.500 Exemplaren angeschafft wurden. Eine Bücherkiste umfasste 100 Titel, die Verweildauer pro Gemeinde im Regelfall drei bis vier Monate. Lektürewünsche seitens der Leser waren ausdrücklich erbeten. Offensichtlich wurden oft Kinder- und Jugendbücher nachgefragt, denn bereits 1936 wurde an einem kommentierten Auswahlverzeichnis für Kinder- und Jugendliteratur gearbeitet. Angestrebt wurde ein Umfang von 300 Werken, gegliedert nach Lesealtern. Die Resonanz war so positiv, dass sich die abnehmenden Bezirke bis 1938 fast verdoppelten
und auch Haschara-Plätze, in denen Auswanderer nach Palästina ausgebildet wurden, mit Büchern beliefert wurden. Auch für die Wanderbibliotheken des CV (ab 1935) und RJJ (ab 1937) wurde der Mangel an geeigneter Kinder- und Jugendliteratur zu beheben gesucht; adressiert wurden insbesondere Jugendbünde.
Eine überlieferte Nutzerstatistik der CV-Wanderbibliothek zeigt über die verschiedenen Landesverbände hinweg ein bewegtes Bild: überwiegende Nutzung durch Schüler und Auszubildende, schwankende Ausleihzahlen nicht zuletzt durch Wegzug, Lektürewünsche auch nach Kindermedien, die nicht ausschließlich jüdische Inhalte behandelten.
Ist die jüdische Bildungsinstitution die einzige, dann wird es von den Benutzern als Einengung empfunden werden, wenn nur jüdisches Bildungsgut geboten wird (…).Erich Guttmann, 1938 , (Vorwort zu „Bücher für die jüdische Jugend)
12/ (Jüdische) Puppen
Puppen waren seit jeher ein beliebtes Kinderspielzeug. Besonders bekannt für ihre Puppen wurde Käthe Kruse, die 1910 einen vom jüdischen Warenhaus Tietz ausgelobten Wettbewerb zum Thema „Spielwaren aus eigener Hand“ gewann. Ihre Stoffpuppen wurden für ihre Natürlichkeit gelobt und prompt berühmt. Puppen spiegeln ihre Entstehungszeit, das gilt auch für Käthe-KrusePuppen, die in den 1930er Jahren übrigens auch mit BDM- und HJUniformen gefertigt wurden. So mag es nicht verwundern, dass man sich in jüdischen Kreisen auch spezifisch jüdische Puppen zu wünschen
begann. Die „Alltagspuppen“ der jungen Puppenmacherin Edith Samuel (1907 Essen – 1948 Rischon LeZion) waren nicht ausdrücklich als jüdische Puppen intendiert; aber da die Tochter des Essener Rabbiners Salomon Samuel früh ihre Umgebung in Puppen abbildete, waren es vor allem Bildnisse jüdischer Kinder. Insbesondere in den 1930er Jahren wurde Edith Samuel für ihre Puppenkinder im deutschen Raum bekannt. Ihre Portraitpuppen wurden für viele zu engen Weggefährten durch dunkle Jahrzehnte.
Little Marion und Little Ulla
Zwei Puppenkinder in den Händen ihrer jungen Besitzerinnen, ein Geschenk aus dem Jahr 1934. Die Geschwister Marion und Ulla Freyer emigrierten mit den Eltern 1939 nach Baltimore, Maryland – im Gepäck ihre Puppenkinder, die zeitlebens enge Vertraute blieben.
Wirklichkeit und Verlässlichkeit der Welt beruhen darauf, dass die uns umgebenden Dinge eine größere Dauerhaftigkeit haben als die Tätigkeit, die sie hervorbrachte, und dass diese Dauerhaftigkeit sogar das Leben ihrer Erzeuger überdauern kann.Hannah Arendt, 1994
Qualitative Einordnung
Will man den Versuch wagen, eine Einordnung deutsch-jüdischer Kindermedien aus den ersten drei Dezennien des 20. Jahrhunderts vorzunehmen, gerät man unweigerlich an Grenzen. Die Überlieferung ist brüchig und statistisch kaum auszuwerten. Doch quantitative
Aussagen erscheinen hier ohnehin unzulänglich. Es sind wohldokumentierte Einzelfälle wie die lebenslange Verbundenheit von Marion zu „Little Marion“ oder wie die Erinnerung von Schalom BenChorin, ein jüdisches Kindermärchenbuch habe ihm den Zugang zur jüdischen Welt eröffnet, die tief blicken lassen. Sie zeigen , dass sich für manche – und hoffentlich viele – Kinder die Visionen der Pädagoginnen,Pädagogen und Kunstschaffenden verwirklicht haben.